Subsidiarität

Martin Leicht war davon überzeugt, dass Solidarität am besten als Hilfe zur Selbsthilfe organisiert werden sollte. Diese in der Gesellschaft zu fördern, war sein Ansinnen. Weiterhin setzte er sich für die Einrichtung von überschaubaren regionalen Organisationsebenen oberhalb kommunaler Verantwortungsbereiche ein, wozu er auch Westfalen zählte. Hier diente ihm das politische Modell eines „Europas der Regionen“ als Vorbild. Mit diesem Ansatz wollte er Eigenverantwortung und Gemeinwohl stärken und sich zugleich gegen Zentralisierung, Bürokratisierung und eine ggfs. übertriebene Präsenz des (Wohlfahrts-) Staates wenden. Zu Grunde liegt dieser Vorstellung das Prinzip der Subsidiarität.

Der Begriff Subsidiarität

Der Begriff Subsidiarität entstammt ursprünglich der römischen Militärsprache und leitet sich von dem lateinischen Wort “Subsidium“ ab. Darunter wurde eine militärische Reservetruppe verstanden, die nur eingreifen sollte, wenn die kämpfenden Einheiten ihre Unterstützung benötigten.

Übertragen auf die Gegenwart wird: „mit dem abstrakten Begriff der Subsidiarität […] gesagt, dass die größere und umfassendere (politische, gesellschaftliche, kirchliche, organisatorische) Einheit dazu verpflichtet ist, der kleineren Einheit Hilfe zu leisten, wo diese nicht in der Lage ist, sich selbst zu helfen.“ (Dienberg 2021)

Für das subsidiäre Handeln lassen sich zusammenfassend zwei Bedingungen ableiten:

  1. Hilfe ist nur dann zu leisten, wenn sie erforderlich ist.
  2. Hilfe darf weder übergriffig noch vereinnahmend sein, sondern ist als Hilfe zur Selbsthilfe zu gestalten.

Historische Entwicklung

Subsidiarität in der Antike

Bereits in der griechischen Antike finden sich Vorformulierungen des subsidiären Gedankens. Während Platon auffordert, gerechtes Handeln daran zu orientieren sich nicht die Aufgaben seiner Mitmenschen anzueignen, formuliert Aristoteles wie unerlässlich die Selbstwirksamkeit für das menschliche Zusammenleben ist. Demnach können persönliche Erfüllung und Zufriedenheit nach Aristoteles nur dann erreicht werden, wenn der Mensch selbstbestimmt handeln kann:

„(…) das Sein (ist) allen Wesen wünschbar und liebenswert (…) und dass wir insofern sind, als wir tätig sind, nämlich im Leben und Handeln. Durch seine Tätigkeit ist also der Schöpfer gewissermaßen sein Werk. Er liebt also sein Werk, weil er auch das Sein liebt” (zit. nach Brieskorn, IX, Kap. 7, 1168a 6-9).

Die hier erläuterte Selbstbestimmtheit ist demzufolge tief im Menschen verankert. Wird dem Menschen diese verwehrt, führt eine Diskrepanz zwischen dem Selbst und der Außenwelt zu einer Verkümmerung der Person. Folglich muss nach Aristoteles die Selbstwirksamkeit für die persönliche Entfaltung des Individuums gewährleistet werden.

Subsidiarität im 20. Jahrhundert

Der Jesuit Oswald von Nell-Breuning (1890-1991) bezeichnet das Subsidiaritätsprinzip im 20. Jahrhundert konkreter als eine „Erfahrungsweisheit“, welche sich schon in alten Ordensregeln wiederfindet (Augustinus von Hippo, Benedikt von Nursia, Franziskus von Assisi). Das Prinzip ist hier als ein Wesenselement der katholischen Soziallehre zu verstehen (Grundlage u.a. 1 Kor12, 12-26). Eine erste schriftliche Fixierung fand es in der Sozialenzyklika „Quadragesimo Anno“ von Papst Pius XI (15. Mai 1931):

„… Wie dasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf, so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten … können, für … die übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen; zugleich ist es überaus nachteilig und verwirrt die ganze Gesellschaftsordnung. Jedwede Gesellschaftstätigkeit ist ja in ihrem Wesen und Begriff nach subsidiär; sie soll die Glieder des Sozialkörpers unterstützen, darf sie aber niemals zerschlagen oder aufsaugen. Angelegenheiten von untergeordneter Bedeutung (…) soll die Staatsgewalt (…) den kleineren Gemeinwesen überlassen. Sie selbst steht (…) da für diejenigen Aufgaben, die in ihre ausschließliche Zuständigkeit fallen, weil nur sie allein ihnen gewachsen ist: durch Leitung, Überwachung, Nachdruck und Zügelung, je nach Umständen und Erfordernis.“ (zitiert nach Blum, Gaisbauer, Sedmak, 2021, S. 15f.)

Papst Pius XI beschreibt an dieser Stelle das subsidiäre Handeln als ein gesellschaftliches Prinzip, das auf Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Entfaltung der individuellen Fähigkeit setzt.

Subsidiarität heute

Anwendung findet das Subsidiaritätsprinzip heute bei der Aufteilung von anhand des Prinzips Aufgaben an Kommunen und Gemeinden übertragen. Auch bei den aktuellen Themen wie Konflikten zwischen staatlichen Direktiven und der Selbstverantwortung des Bürgers, Organisation von Bürgerengagement, Führungsstilen in Unternehmen oder dem sozialen Miteinander kann das Subsidiaritätsprinzip eine Handlungsorientierung darstellen. Zusammenfassend sind folgende Möglichkeiten und Bedingungen bei der Anwendung des Subsidiaritätsprinzips zu beachten:

  • Das Subsidiaritätsprinzip stellt zwischen sozialen Gemeinschaften klar, dass die kleinere Einheit ein Recht auf Eigeninitiative besitzt und die übergeordnete größere Gemeinschaft sich nicht in deren Belange einmischen darf.
  • Subsidiarität funktioniert dort am besten, wo von jeder sozial relevanten Sphäre bedeutsame Beiträge zum Gemeinwohl erwartet werden können.
  • Das Subsidiaritätsprinzip stellt die Regelungskompetenz zwischen dem Individuum und überindividuellen Formen von Gemeinschaft dar. Kriterium für eine Aufgabenzuordnung ist die beidseitige Übereinstimmung über die Fähigkeit, die betreffende Aufgabe bürgernah zu lösen. Dabei darf es sich die übergeordnete Stufe nicht zu leicht machen und Aufgaben ohne eine Überprüfung dieser Möglichkeit an sich ziehen. (Kompetenzanmaßungsverbot des Subsidiaritätsprinzips)
  • Allerdings darf diese Regelungskompetenz nicht zu Machtmissbrauch der übergeordneten Stufen führen. Daher fordert das Subsidiaritätsprinzip die übergeordneten gesellschaftlichen Institutionen auf, den einzelnen Individuen und mittleren Körperschaften bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zu helfen. (Hilfestellungsgebot des Subsidiaritätsprinzips)
  • Nach der Enzyklika Pius XI wird ein Verstoß gegen Subsidiarität (sozialethisch) als ungerecht, (pragmatisch) als nachteilig und (sozialpsychologisch) als verwirrend gewertet.
  • Das Subsidiaritätsprinzip weist verschiedene Dimensionen auf. Es ist Handlungs- und Organisationsprinzip (dezentrale Organisationen, flache Hierarchien etc.), es ist ein Prinzip für die Gestaltung von Staaten und auch der Europäischen Union (Art.3b) und es enthält Grundrechte eines demokratischen Rechtsstaates (z.B. Garantie der Familie, des elterlichen Erziehungsrechts). Wesentlich ist auch, dass es zur Initiative und zur Übernahme von Verantwortung auffordert. Zudem ist es ein zentrales Element von Freiheit!
  • „Personale Interrelationalität“ könnte ein wesentlicher Beitrag einer subsidiären Kultur sein. Die Subsidiarität muss hier nicht neu definiert, aber womöglich neu fokussiert werden: die Formen subsidiären Miteinanders werden sich zukünftig noch mehr aufeinander beziehen, um für eine Lebensgestaltung und auch für gesellschaftliches Handeln relevant zu sein. Das geht über vertrauensvolle Kompetenzübertragungen hinaus in einen delegativen und partizipativen Umgang mit Charismen, Kompetenzen, Systemen und Subsystemen. Mit anderen Worten: Es geht darum, zum Wohle des Ganzen, dem und den anderen dort, wo es sinnvoll ist, Platz zu machen.“
  1.  

Literatur zum Themenkreis „Subsidiarität“

  • Blum, W., Gaisbauer, H.P., Sedmak, C.: Subsidiarität – Tragendes Prinzip menschlichen Zusammenlebens, Regensburg 2021
  • Boll,Ch., (Hg.): Europa – Subsidiarität und Regionen, Bd. 15 der Schriftenreihe der Stiftung Westfalen-Initiative, Ibbenbüren 2018
  • Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden (Hg.): Kompendium der Soziallehre der Kirche, Freiburg 2014
  • Blickle, P., Hüglin, Th., Wyduckel, D. (Hg.): Subsidiarität als rechtliches und politisches Ordnungsprinzip in Kirche, Staat und
    Gesellschaft, Rechtstheorie – Beiheft 20, Berlin 2002
  • Böhnke, M.I.: Theologische Anmerkungen zur Gestaltung des Subsidiaritätsprinzips in der Kirche, in: PDF
  • Brieskorn, N.: Subsidiarität, in: Link
  • Heimbach-Steins, M. (Hg.),: Christliche Sozialethik – Ein Lehrbuch, Regensburg 2004
  • Wils, J.-P., Zahnder, M. (Hg.): Theologische Ethik zwischen Tradition und Modernitätsanspruch. Festschrift für Adrian Holderegger
    zum sechzigsten Geburtstag, Fribourg/Freiburg i.Br./Wien 2005
  • Herzog, R.: Subsidiaritätsprinzip, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie X, 1998
  • Nell-Breuning, O.: Subsidiarität und Solidarität – Baugesetze der Gesellschaft, Freiburg 1990
  • Nell-Breuning, O.: Subsidiarität in der Kirche, in: Stimmen der Zeit, 1986