Was braucht Frieden heute? Viele Perspektiven beim Jugend-Konvent

Teilnehmerinnen des Einstein-Gymnasiums im Gespräch mit Moderator Jochen Heimann über ihre AG zum Thema Frieden. (Foto: Joachim Busch)

Jugend-Konvent der Westfälischen Friedenskonferenz bringt junge Menschen mit Gästen aus Medien, Kirche, Stiftungswesen und Sicherheitspolitik ins Gespräch

Rheda-Wiedenbrück, 8. Oktober 2026. Krieg in Europa, Desinformation, Sicherheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt: Was braucht Frieden heute? Das war die Leitfrage des Jugend-Konvents der Westfälischen Friedenskonferenz 2026 am Einstein-Gymnasium in Rheda-Wiedenbrück, an dem rund 120 Schülerinnen und Schüler teilgenommen haben. Bei dem rund 100-minütigen Gesprächsformat stellten sich vier prominente Gäste den Fragen der Jugendlichen: ZDF-Journalistin Nicole Diekmann, Anna-Nicole Heinrich, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Hauptmann Frank Sprick und Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Der Jugend-Konvent war eine gemeinsame Veranstaltung der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe e. V. (WWL) und der Stiftung Westfalen-Initiative für Eigenverantwortung und Gemeinwohl (SWI). Neben den Schülerinnen und Schülern des Einstein-Gymnasiums beteiligte sich außerdem die Janusz-Korczak-Gesamtschule Gütersloh an der Gestaltung des Programms.

Schon zum Auftakt machten die Schülerinnen und Schüler deutlich, worum es ihnen ging. In einem selbst produzierten Film griffen sie ein Zitat von Helmut Schmidt auf: „Lieber 100 Stunden verhandeln als eine Minute schießen.“ Andere formulierten ihre persönlichen Vorstellungen von Frieden: frei von Angst leben und ohne Sorgen einschlafen zu können. Die Schülerin Lena schlug mit einem Beitrag über den Westfälischen Frieden den Bogen von den Friedensverhandlungen des 17. Jahrhunderts zu den Herausforderungen der Gegenwart.

Dass Frieden nicht allein eine Angelegenheit der großen Politik ist, betonte Dr. André Vielstädte, Geschäftsführer WWL, bei der Begrüßung. Auch im persönlichen Umfeld komme es darauf an, gegensätzliche Meinungen auszuhalten und miteinander im Gespräch zu bleiben. Christoph Dammermann, Geschäftsführer der SWI, unterstrich: „Wir wollen, dass junge Menschen sich einbringen, selbst denken und nicht einfach nur Meinungen übernehmen. Wer eigene Positionen entwickelt und Verantwortung übernimmt, leistet auch einen Beitrag zu unserer Demokratie.“

Vier Gäste, unterschiedliche Perspektiven

Lange Eingangsstatements gab es nicht. Stattdessen konnten die Jugendlichen über ihre Smartphones abstimmen, welche Fragen und Themen auf der Bühne aufgegriffen werden sollten. Die vier Gesprächsgäste setzten mit ihren Beiträgen jeweils eigene Schwerpunkte und beleuchteten die Frage nach Frieden aus unterschiedlichen beruflichen und gesellschaftlichen Perspektiven.

Prof. Dr. Andreas Pinkwart erinnerte an die Erfahrungen des Kalten Krieges und die Bedeutung von Verhandlungen. Frieden lasse sich nicht erzwingen, sondern müsse durch Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen erarbeitet werden. Auch in schwierigen Konflikten dürfe die Diplomatie niemals aufhören. Dabei warnte er vor Abschottung und einem einseitigen Streben nach Unabhängigkeit: Vertrauen könne nur entstehen, wenn Menschen und Staaten bereit seien, sich aufeinander einzulassen und auch eigene Verletzlichkeit zuzulassen.

Hauptmann Frank Sprick betonte, dass die Bundeswehr eine Verteidigungs- und Parlamentsarmee sei. Niemand in den Streitkräften wolle Krieg. Gleichzeitig seien Deutschland und seine Bündnispartner verpflichtet, bedrohten Bündnispartnern beizustehen. Er erinnerte daran, dass die lange Friedensperiode in weiten Teilen Europas keine Selbstverständlichkeit gewesen sei und auch die Streitkräfte nur einen von vielen Beiträgen zur Friedenssicherung leisten könnten.

ZDF-Journalistin Nicole Diekmann lenkte den Blick auf die Rolle der Medien. Soziale Netzwerke trügen zur Zuspitzung gesellschaftlicher Debatten bei. Gerade in Kriegs- und Krisenzeiten sei es deshalb entscheidend, Informationen unabhängig zu überprüfen, selbst zu recherchieren und sich nicht für Propaganda instrumentalisieren zu lassen. Zugleich machte sie deutlich, wie wichtig es sei, auch mit Andersdenkenden im Gespräch zu bleiben, statt einander öffentlich vorzuführen.

Anna-Nicole Heinrich richtete den Blick auf die Handlungsmöglichkeiten jedes Einzelnen. Sie ermutigte die Jugendlichen, sich ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst zu werden und zu überlegen, welchen Beitrag sie selbst für Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten können. Dabei sei es wichtig, über das unmittelbare Umfeld hinauszuschauen und sich nicht von scheinbar unüberwindbaren Problemen entmutigen zu lassen. Niemand müsse allein etwas verändern: Gemeinsam mit anderen könne jeder etwas bewegen.

Junge Menschen zeigen, wie Verständigung gelingt

Wie sich diese Gedanken in die Praxis übertragen lassen, zeigten Beiträge der Schülerinnen und Schüler selbst. Eine Gruppe stellte die Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt und dem Dreißigjährigen Krieg vor. In einer Gegenüberstellung der Jahre 1648 und 2026 arbeiteten die Jugendlichen heraus, dass Frieden die Anerkennung des Gegenübers, die Überwindung verhärteter Positionen und verlässliche Vereinbarungen voraussetzt. Auch bei ihren eigenen Recherchen seien sie nicht immer einer Meinung gewesen. Entscheidend sei, miteinander darüber zu sprechen und Meinungsverschiedenheiten auszuhalten.

Auch weitere Jugendformate rund um den Internationalen Preis des Westfälischen Friedens wurden vorgestellt. Zwei Betreuerinnen und zwei Schülerinnen berichteten von ihren Erfahrungen mit dem Planspiel „Frieden zur Aufgabe machen“, das im Vorfeld ebenfalls in Kooperation zwischen der WWL und SWI an Schulen durchgeführt worden war. Dabei schlüpften Jugendliche in unterschiedliche politische Rollen und mussten in Verhandlungen gemeinsame Lösungen finden. Mit einem Film wurde außerdem das internationale Jugendnetzwerk socioMovens vorgestellt, das erst eine Woche zuvor mit dem Jugendpreis des Westfälischen Friedens ausgezeichnet worden war. Das Netzwerk bringt junge Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern zusammen und fördert durch Begegnung und Austausch Verständigung und Versöhnung.

„Was können wir Jugendlichen konkret für den Frieden tun?“ Diese Frage hatten die Jugendlichen selbst als Gesprächsthema nach vorne gewählt. Die Beiträge der Gäste machten deutlich, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist und dass Verständigung bereits im persönlichen Umfeld beginnt. Pinkwart verwies dabei auf alltägliche Konflikte in der Familie oder Nachbarschaft, bei denen es manchmal darauf ankomme, selbst den ersten Schritt aufeinander zuzugehen.

 

(Fotos: Joachim Busch)